Wirkungskategorien, Indikatoren und Subkriterien am Beispiel der Ökologie
Etwa 2500 Stahlbrücken im Netz der Deutschen Bahn AG sind heute über 100 Jahre alt und weisen altersbedingte Mängel und Schäden auf. Entscheidungen über ihren Erhalt oder Ersatz orientieren sich bislang überwiegend an technischen und ökonomischen Kriterien, während ökologische und baukulturelle Aspekte kaum berücksichtigt werden. Besonders bei denkmalgeschützten Brücken führt dies häufig zu konfliktreichen Abstimmungsprozessen und erheblichen Verzögerungen, an deren Ende meist dennoch ein Ersatzneubau steht. Dadurch gehen nicht nur bedeutende Zeugnisse der Ingenieurbaukunst verloren, sondern auch die Chance, durch den Erhalt bestehender Bauwerke eine deutlich bessere Ökobilanz zu erzielen. Vor dem Hintergrund eines erweiterten Verständnisses ingenieurtechnischer Verantwortung, das neben technischen und wirtschaftlichen auch ökologische und baukulturelle Werte einbezieht, wurde ein ganzheitliches Bewertungssystem entwickelt. Es ermöglicht, anhand detaillierter Kriterienkataloge verschiedene Umgangsvarianten mit historischen stählernen Eisenbahnbrücken systematisch zu formulieren und transparent miteinander zu vergleichen. Dieses Bewertungssystem und die darauf aufbauende Entscheidungshilfe EBBS_rail wurden im Rahmen eines Forschungsprojekts an realisierten Brückenprojekten im Netz der Deutschen Bahn erprobt und weiterentwickelt. Anhand der Eisenbahnüberführung Augustusburger Straße in Chemnitz und der Eisenbahnbrücke Langenargen, die beide durch Neubauten ersetzt wurden, wurden jeweils zwei alternative Erhaltungsvarianten untersucht. Die vergleichenden Bewertungen unter technischen, ökonomischen, baukulturellen und ökologischen Gesichtspunkten zeigen, dass ein zustandsverbessernder Bauerhalt technisch realisierbar und aus Sicht der Nachhaltigkeit vorteilhaft ist. Insbesondere die deutlich geringeren Umweltwirkungen, etwa beim Global Warming Potential, belegen die klimapolitische Relevanz des Bestandserhalts. Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse das große Potenzial ganzheitlicher Bewertungsmethoden und unterstreichen die Notwendigkeit ergebnisoffener Variantenvergleiche in frühen Planungsphasen.
Lorenz, W.; Schulte, C. J. (2026) EBBS_rail – Entscheidungshilfe für den nachhaltigen Umgang mit historischen stählernen Bahnbrücken
Teil 1: Grundlagen https://doi.org/10.1002/stab.70118
Teil 2: Fallstudien https://doi.org/10.1002/stab.70119
Stahlbau 95, H. 4, S. 280–301.


