Stellen wir uns für einen kurzen Moment vor, wir befänden uns einige Jahre in der Zukunft. Die Hochschullandschaft hat sich verändert. Studierende der Architektur und des Bauingenieurwesens lernen nicht mehr zuerst, welcher Baustoff für welche bekannte Konstruktion eingesetzt wird. Sie lernen zu hinterfragen, welche Ressourcen vorhanden sind, welche Eigenschaften eine Bauaufgabe verlangt und wie Materialien möglichst lange in biologischen oder technischen Kreisläufen gehalten werden können.

Lehm gehört durch seine regionale Verfügbarkeit, geringe Herstellungsemissionen und vollständige Rezyklierbarkeit ganz selbstverständlich zu einem neuen Materialkanon. Nicht als Wahlfach, Sonderthema oder vermeintlich „alternativer“ Baustoff, sondern als regulärer Bestandteil der Ausbildung. Im Lehrplan stünde er gleichberechtigt neben Holz, mineralischen Baustoffen wie Beton und Naturstein, Naturfasern sowie wiederverwendeten Bauteilen. Damit wäre Lehm ein zentraler Baustein einer regenerativen Baukultur und der zirkulären Bauwirtschaft. Vielleicht würde sich in dieser Zukunft kaum noch jemand daran erinnern, dass dies einmal anders war.

Auch die Lehre selbst hätte sich grundlegend gewandelt. Wissen wäre weniger an einzelne Hochschulen, Institute oder Personen gebunden. Vorlesungen, Forschungsergebnisse und Lehrmaterialien würden im Sinne von Open Source kollaborativ geteilt und gemeinsam weiterentwickelt – sie könnten andernorts als Ausgangspunkt neuer Ideen in Forschung und Praxis dienen. Was an der einen Hochschule erarbeitet wurde, könnte an einer anderen aufgegriffen, weitergedacht und vermittelt werden. Nicht jede neue Generation von Lehrenden und jeder Lehrstuhl müsste sich dasselbe Grundlagenwissen immer wieder von Neuem erschließen. Aus vielen einzelnen Lehrangeboten wäre so ein gemeinsamer und wirkungsvollerer Wissens- und Lernraum entstanden. Dieser würde die Gelegenheit schaffen, sich nicht nur mit den Inhalten selbst, sondern verstärkt mit ihrer Vermittlung auseinanderzusetzen – mit didaktischen Konzepten und der Frage, wie Wissen verständlich aufbereitet, praktisch erprobt und weitergegeben werden kann.

Eine schöne Vorstellung und doch keine, für die wir auf eine ferne Zukunft warten müssen. Die Ringvorlesung „Down to Earth“ der AG Lehre des Dachverbandes Lehm e.V. hat bereits im vergangenen Jahr gezeigt, wie digitale, offene und zeitgemäße Lehmbau-Lehre gestaltet werden kann. Daran knüpft die Reihe in diesem Jahr an und bringt erneut Lehrende, Forschende und Praktiker aus ganz Deutschland über Hochschul- und Disziplingrenzen hinweg zusammen, um aktuelles Wissen zum Bauen mit Lehm offen und kostenfrei zugänglich zu machen. In 16 Vorträgen vermittelt die Ringvorlesung einen fundierten und zugleich vielseitigen Einblick – von den materiellen Grundlagen und konstruktiven Prinzipien bis hin zu aktuellen Entwicklungen in Forschung und Praxis. So entsteht ein umfassendes Bild des Lehmbaus und seines Potenzials für eine zukunftsfähige Baukultur.

Zugleich versteht sich „Down to Earth“ als hochschulübergreifende Plattform für Austausch und Diskurs, die Theorie und Praxis miteinander verbindet, neue Impulse für Forschung, Lehre und Anwendung setzt und dazu beiträgt, den Lehmbau stärker in der akademischen Ausbildung und im zeitgenössischen Bauen zu verankern.

Die Reihe beginnt am 22. Oktober 2026 und endet am 25. Februar 2027. Die Vorträge finden jeweils donnerstags von 16.00 bis 17.30 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Teilnahme erfolgt kostenlos via Zoom. Die Reihe richtet sich an Studierende, Promovierende, Lehrende, Planende und alle Lehmbauenthusiasten.

Weiterführende Informationen zur Teilnahme, zu den Inhalten der Termine sowie zur Anerkennung der Reihe als Modul an ausgewählten Hochschulen oder als Weiterbildung bei teilnehmenden Kammern finden Sie unter:
https://www.dachverband-lehm.de/bildung/ringvorlesung

Hinweise sowie Fragen und Feedback können Sie gern an lehre@dachverband-lehm.de richten.

Die Bauwende ist nicht allein eine Frage neuer Konstruktionen, Regeln oder Baustoffe. Sie ist ebenso eine Frage des Wissens sowie seiner Verteilung. Denn was morgen geplant und gebaut wird, hängt wesentlich davon ab, welches Wissen wir heute vermitteln, welche Materialien Studierende zu konstruieren lernen und welche Möglichkeiten sie als selbstverständlich begreifen. Soll sich das Bauen verändern, muss sich deshalb auch verändern, wie wir Lehre gestalten. Denn die Zukunft des Bauens ist das, was wir heute lehren.

Oliver André Wege, Larissa Daube, Stephan Jörchel