Auswirkungen der Szenarien „Recycling“ (S2) und „Wiederverwendung“ (S3), ausgedrückt als Prozentsatz des Referenzszenarios (S1 = 100 %) für alle 16 Wirkungskategorien.
Aluminium gilt im Bauwesen als Werkstoff mit widersprüchlicher Ökobilanz: Einerseits überzeugt es durch geringes Gewicht, hohe Dauerhaftigkeit und Korrosionsbeständigkeit, andererseits verursacht seine Primärproduktion erhebliche Treibhausgasemissionen. Eine aktuelle Studie von Davor Skejić, Marko Antić, Ivana Carević und Michaela Gkantou untersucht daher, welches Potenzial in der direkten Wiederverwendung von Aluminiumtragwerken steckt. Am Beispiel einer temporären Hallenkonstruktion mit Aluminium-Portalfachwerk verglichen die Forschenden die Umweltauswirkungen dreier Szenarien am Ende der Nutzungsphase: Entsorgung nach dem Cut-off-Prinzip, Recycling und direkte Wiederverwendung der Bauteile.
Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die Wiederverwendung der Aluminiumbauteile schneidet in allen 16 untersuchten Umweltwirkungskategorien am besten ab. Gegenüber dem Recycling reduziert sich das Treibhauspotenzial um rund 22 Prozent. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Aluminium zwar nur etwa 3,3 Prozent der Masse der untersuchten Konstruktion ausmacht, aber für 37,6 Prozent der Herstellungsemissionen verantwortlich ist. Jeder vermiedene Schmelzprozess wirkt sich daher überproportional positiv auf die Klimabilanz aus.
Die Autorinnen und Autoren sehen in der direkten Wiederverwendung deshalb eine zentrale Strategie für eine zirkuläre Bauwirtschaft. Allerdings verweisen sie auch auf bestehende Hürden. Während für Stahl bereits Verfahren und Normungsprozesse zur Wiederverwendung entwickelt werden, fehlen vergleichbare technische und regulatorische Rahmenwerke für Aluminium weitgehend. Hinzu kommen werkstoffspezifische Herausforderungen wie die Identifizierung von Legierungen, die Bewertung von Ermüdungsschäden oder der Umgang mit wärmebeeinflussten Zonen an Schweißnähten.
Um das Potenzial künftig besser auszuschöpfen, schlägt die Studie einen strukturierten Wiederverwendungsprozess für Aluminiumbauteile vor. Entscheidend seien dabei eine Planung nach dem Prinzip „Design for Disassembly“, bei der die spätere Demontierbarkeit bereits bei der Konstruktion mitgedacht wird, sowie digitale Materialpässe und spezialisierte Wiederverwendungsplattformen. Die Untersuchung liefert damit ein weiteres Argument dafür, Zirkularität im Bauwesen nicht auf Recycling zu reduzieren, sondern hochwertige Bauteilkreisläufe stärker in den Fokus zu rücken.
Davor Skejić, Marko Antić, Ivana Carević and Michaela Gkantou (2026) Reuse of Aluminium Structural Components in Circular Construction: A Life Cycle Assessment of a Portal Frame Tent Structure. Buildings 16(13), 2610;


