Quelle: Julia Bakucz, 2026
Die Masterarbeit befasst sich mit dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben vom 8. September 2023 in Marokko. Ziel war die analytische Untersuchung des Paradoxons, dass Wiederaufbauprojekte überwiegend in Betonbauweise realisiert werden, während der Lehmbau im Wiederaufbauprozess nur eine marginale Rolle einnimmt.
Trotz der langen Tradition des Lehmbaus in Marokko baut die Bevölkerung aus Beton wieder auf. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist der Fachkräftemangel. Dazu kommt noch ein abstraktes Hindernis: die Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Minderwertigkeit des Lehmbaus ist seit Jahrzehnten einbetoniert. Die Titelwahl weist auch darauf hin: Terratorium, ein Ort, der der Architektur aus Erde gewidmet ist. Das Wort erinnert uns auch an das „Territorium“, das die übermäßige Ausdehnung der rein betonbasierten Kultur seit den Kolonialzeiten widerspiegelt. Dieses Phänomen hat zu einer negativen Wahrnehmung der traditionellen Lehmbaustrukturen geführt, die zu einem Symbol der Armut geworden sind.
Als Reaktion auf die bestehenden Rahmenbedingungen zielt der Entwurf auf die Entwicklung eines Aus- und Weiterbildungszentrums. Es soll die lokale Bevölkerung für die Potenziale dieser Bauweise sensibilisieren und zugleich Fachkräfte sowie Ingenieur:innen in zeitgemäßen Lehmbauweisen weiterbilden. Gleichzeitig zeigt das Zentrum exemplarisch, dass Lehmbautechniken an die heutigen Erdbebensicherheitsstandards angepasst werden können.
Das Projekt richtet sich an zwei Zielgruppen: zum einen die Bewohner der Bergdörfer und zum anderen die Fachleute der Baubranche. Damit das Bildungsprogramm beide Gruppen effektiv erreichen kann, spielt die Wahl des Standorts des Ausbildungszentrums eine besondere Rolle. Das ausgewählte Grundstück befindet sich in Asni, 50 km von Marrakesch entfernt. Es wird regelmäßig von der Bergbevölkerung zum Wochenmarkt besucht und bleibt gleichzeitig von einer großen Stadt aus gut erreichbar, in der Fachkräfte der Baubranche konzentriert sind. Der Standort des Zentrums befindet sich am Marktplatz in Asni, einem stark frequentierten Knotenpunkt des städtischen Gefüges. Das Zentrum kombiniert unterschiedliche Nutzungen, um gezielt Synergien mit dem Marktgeschehen zu schaffen. Ergänzend zu Seminarräumen und einer Open-Air-Werkstatt wird ein Café eingerichtet, wodurch sowohl das Angebot an Lehr- und Ausbildungsprogrammen als auch die Attraktivität des Ortes deutlich gesteigert wird. So wird der Nutzer:innenkreis gezielt erweitert: Neben einem bewusst interessierten Publikum zieht die hohe Frequentierung des Standorts auch zufällige Besucher:innen an. Dieser „Schaufenster-Effekt“ fördert Neugier, spontane Teilnahme und Interaktion. Die Offenheit des Nutzungskonzepts spiegelt sich auch in der räumlichen Organisation wider.
Quelle: Julia Bakucz, 2026
Das Gelände fällt zum Fluss hin ab, sodass das Zentrum aus 3 terrassenförmigen Bereichen besteht. Diese Treppenstaffelung wird als architektonisches Gestaltungselement konsequent über die angrenzende Marktfläche fortgeführt. Diese Staffelung ermöglicht informelle Bühnensituationen und Orte des Austauschs. Die Nähe zum Fluss war zudem entscheidend für die Standortwahl, da Wasser eine zentrale Voraussetzung für den Lehmbau darstellt.
In diesem Entwurf kommen verschiedene Bautechniken zum Einsatz: eine Wickeldecke mit Leichtlehmdeckensystem, da Holz in Marokko nur begrenzt verfügbar ist, ein Fundament aus zyklopischem Beton und Naturstein sowie Wände aus Stampflehm und Lehmziegeln. Die Deckenkonstruktion wird durch Elemente aus Palmblättern ergänzt. Sämtliche Techniken basieren auf der vernakulären Bauweise, werden jedoch gezielt weiterentwickelt, um heutigen Anforderungen an erdbebensicheres Bauen gerecht zu werden. Diese Verbindung von traditionellem Wissen und zeitgemäßer Weiterentwicklung bildet die Grundlage der Paleoinnovation – eine Low-Tech-Philosophie, die vorliegende Masterarbeit maßgeblich inspiriert hat.
Terratorium
Julia Bakucz (2026)
Masterarbeit KIT Karlsruhe
Betreuer: Prof. Dr.-Ing. Barbara Engel (KIT), Prof. Dipl.-Arch. Dirk Hebel (KIT), Dipl.-Ing. Dominik Neidlinger (ENSAS)


