Marcel GröplerMarcel Gröpler

Wir sehen Bauprodukte als Wertstoffe: Deswegen setzen wir auf zirkuläres Bauen und Werterhalt

Ein Interview mit Marcel Gröpler, Fachbereichsleitung Nachhaltiges Bauen bei Lindner Group

Kurzvita

Marcel Gröpler

Als Bauingenieur sammelte Marcel Gröpler jahrelang Erfahrung im Baustellen-Controlling und in der Bauleitung, bevor er ab 2011 die Fachabteilung Green Building der Lindner Group geleitet hat. Seit Anfang 2025 ist Marcel Gröpler für die GiB Gesellschaft für innovative Bautechnologie tätig und baut hier ebenfalls einen Fachbereich für Nachhaltiges Bauen auf. Hier steht er weiterhin auch der Lindner Group projektbezogen beratend zur Seite.

Herr Gröpler, Zirkuläres Bauen als nächste Stufe der Nachhaltigkeit – wie sehen Sie das?

Das trifft es ganz gut, also ich würde das unterschreiben. Das übliche Bauen folgt ja doch immer noch sehr oft dem bekannten alten Muster: Take – Make – Waste. Man setzt Rohstoffe ein, verarbeitet und verbaut sie, und dann landet schlussendlich vieles einfach in der Entsorgung. Genau hier setzen wir mit dem zirkulären Bauen an, das ein klarer Handlungsrahmen für die gesamte Lindner Group ist – für alle unsere Produkte und Dienstleistungen. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen: Zirkuläres Bauen, also Bauen im Sinne der R-Strategien – ReUse, ReFurbish, Repair usw. – das ist keine neue Idee neben der Nachhaltigkeit, sondern deren logische Fortsetzung. Wissen Sie, man macht es einfach konkret, holt es aus der Theorie in die Praxis. Von daher: (lächelt) Nachhaltiges Bauen 2.0, wenn man so will.

Die Lindner Group bezeichnet sich als einer der wenigen, wenn nicht einzigen Anbieter, der im Innenausbau die komplette Wertschöpfungskette abdeckt. Wie sieht das genau aus?

Nun ja, natürlich können viele andere Anbieter im Innenausbau auch einen kompletten Raum ausbauen. Aber eben nicht in der Tiefe, die wir bieten. Wir entwickeln und produzieren die Systeme selbst; wir bauen den Raum selbst aus, und – vor allem: Wir bauen ihn auch wieder zerstörungsfrei zurück. Damit nicht genug, bereiten wir danach die gebrauchten Produkte auf, um eine echte Wiederverwendung zu ermöglichen. Das ist, soweit ich sehe, schon ziemlich einzigartig am Markt. Übrigens genauso wie unser Miet- und Rückkaufangebot – da kenne ich eigentlich niemanden, der das in dieser Form anbietet.

Und Sie gehen ja sogar noch weiter …

Ganz genau. Ist eine reine Wiederverwendung nicht möglich, so bieten wir Repair und ReFurbish an – und erst dann, wenn wirklich nichts anderes mehr geht, Recycling.

Haben Sie da ein Beispiel?

Natürlich. Ein schönes Beispiel ist hier der Werkstoff Gipsfaser bzw. Gipskarton. Abfälle von Baustellen, Rückbau und Abriss nehmen wir zurück. Wir nehmen sie zurück und verarbeiten sie zu einem Sekundärrohstoff für neue Platten. Dafür haben wir ein patentiertes Verfahren entwickelt und eine eigene Produktion in Dettelbach aufgebaut. Wissen Sie, prinzipiell sehen wir unsere Produkte gar nicht als reine „Bauprodukte“, sondern als Wertstoffe – und diese Werte wollen wir so lange wie möglich erhalten, und zwar in ökologischer wie in ökonomischer Hinsicht.

Lindner hat sich mit dem Zirkulären Bauen schon befasst, als noch kaum jemand daran dachte. Können Sie die Entwicklung des Themas in Ihrem Hause bis heute umreißen?

Das Thema begleitet uns seit etwa 30 Jahren – wir sind ja auch Gründungsmitglied der DGNB. Aber im Grunde denkt und handelt Lindner schon immer im Sinne der Nachhaltigkeit, wir würden dies nur anders nennen. Unser Ansinnen ist es nun mal, gesund zu wirtschaften, ein gesundes Unternehmen zu führen, das auf lange Sicht erfolgreich ist. Und dazu gehört für uns eben auch der effiziente Einsatz von Materialien und Energie sowie das Vermeiden von unnötigem Abfall und CO2. Wir schauen ganz genau hin: Wo findet Verschwendung statt, wo können wir Prozesse optimieren, um ideale Ergebnisse zu schaffen.

Und wie schaffen Sie sie?

(lächelt) Nun, Lindner setzt aufgrund dieser Fragestellungen auch schon seit Jahren auf Lean Management in Produktion und Projektabwicklung.

Aber ein zweiter Aspekt kommt hinzu. Und zwar die Frage „Wie kann man ein perfektes Produkt noch besser machen?“ Und da fanden wir die Antwort im ReUse-Gedanken – zunächst bei der Calciumsulfat-Doppelbodenplatte, später auch bei deutlich komplexeren Produkten. Auch hier waren die treibenden Kräfte die Material- und Energieeinsparung sowie CO₂-Reduktion.

Herr Gröpler, ist Zirkuläres Bauen nicht in der Gefahr, viel zu schnellen Um- und Rückbau zu erzeugen gegenüber etwa dem guten alten Wohngebäude, das seit 120 Jahren steht und gut bewohnbar ist?

Also ich sehe da keinen Widerspruch. Natürlich soll und kann ein Gebäude Jahrzehnte stehen und genutzt werden. Aber die Nutzer werden sich ja – und somit auch die Nutzung an sich – im Laufe der Zeit schon ändern. Nun ist es ja so, dass wir uns vor allem mit Bürogebäuden beschäftigen – unserem Kerngeschäft. Und gerade im Mieterausbau sind zehn Jahre oft schon die Obergrenze. Da steht die Langlebigkeit unserer Produkte klar der tatsächlichen Nutzungsdauer im Objekt gegenüber.

Und sehen Sie, genau dafür ist unser modulares, wiederverwendbares Produktdesign ja gemacht: Es lässt sich flexibel umbauen, erweitern, anpassen. Wenn ein Kunde nach ein, zwei Jahren merkt, dass Einzelbüros für seine Mitarbeitenden besser funktionieren als offene Flächen – oder umgekehrt – dann setzen wir das um, und zwar ohne, dass unnötiger Abfall entsteht oder unsere Ausbauprodukte im Container landen.

Erfordert Zirkuläres Bauen mutige Bauherren?

Naja, Mut ist vielleicht das falsche Wort dafür. Es geht eher darum, mit gesundem Menschenverstand ein Stück aus der Komfortzone herauszutreten.

Aber ein gewisses Umdenken braucht es doch schon …

Sicherlich, und besonders auch bei Architekten und Planern, die ganz klar zirkuläre Lösungen von Anfang an mitdenken müssen, statt sie nachträglich aufzusetzen. Aber am Ende überzeugt man den Bauherrn schon dahingehend, dass er mit zirkulären Produkten auch sparen kann: Weniger Material, geringere Entsorgungskosten, oft auch Zeitersparnis bei Sanierung oder Neugestaltung und auch die CO2-Reduktion bei Wiederverwendung statt Neuproduktion. Das können erhebliche Faktoren sein. Sehen Sie, diese altbekannte „nice to have“-Haltung bezüglich Nachhaltigkeit verliert ja gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ohnehin an Bedeutung. Organisatorisch und technisch haben wir das Thema längst gelöst. Was bleibt, ist der menschliche Faktor und die Bereitschaft, gewohnte Prozesse zu hinterfragen.

Beginnt zirkuläres Bauen nicht schon in der Entwicklung? Gilt da nicht das berühmte: „begin with the end in mind?“

Ja, klar. Natürlich spielt diese Herangehensweise in der Produktentwicklung eine wichtige Rolle, gerade auch mit Bezug auf Ressourcen und materialeffizientes Wirtschaften. Nicht zuletzt ist Lindner ja auch ein Familienunternehmen, dass langfristig denkt und handelt und entsprechend reinvestiert, im Sinne unseres Leitsatzes „Nachhaltiges Handeln aus Verantwortung für nächste Generationen“.

Geht das nicht etwas in Richtung „Wort zum Sonntag“?

(lächelt) Keinesfalls, das ist gelebte Praxis im Haus. Doch muss man auch ehrlich sagen, dass bei uns an erster Stelle immer der Kundenwunsch steht. Lindner hat sich hier vor allem das „Bauen mit neuen Lösungen“ auf die Unternehmensfahne geschrieben. Und so fragen wir immer zuerst: „Was braucht der Kunde, welche Ideen hat er und wie können wir die bestmöglich umsetzen?“ Hierzu gehören natürlich etwa auch Themen wie Brandschutz oder Akustik, aber eben auch die der Nachhaltigkeit und des Komforts in der Anwendung. Ja und daraus entstehen dann oft Sonderlösungen, die wir dann versuchen mit unseren Systemlösungen zusammenzubringen. Manchmal wird daraus sogar ein neuer Standard für andere Projekte.

Und das funktioniert einfach so?

Ja, das funktioniert deshalb gut, weil unsere Produkte eben meist modular aufgebaut sind. Das gute alte Lego-Prinzip: Man kann sich unser Portfolio wie einen großen Baukasten vorstellen, bei dem jede Schraube, jedes Profil, jedes Wand- oder Deckenelement Teil eines größeren Ganzen ist. Und: Individuell wird es trotzdem – über Abmessungen, Oberflächen, technische Details usw.

Herr Gröpler, abschließend: BIM und Zirkularität – ist das nicht ein denkbar enger Zusammenhang, besonders im Hinblick auf die Gebäudedaten, die diese Methode bereitstellt?

(schmunzelt) Wissen Sie, vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt: Ja, ohne BIM keine echte Zirkularität. Heute sehe ich das anders. Viel entscheidender sind die digitalen Produktdaten selbst, wie digitale Materialpässe und für die Ökobilanz relevante Daten. Wir stellen z. B. verifizierte Umweltprodukt-Deklarationen (EPDs) und rechtsverbindlichen Selbstdeklarationen nach ISO 14021 zur Verfügung. Darin stecken detaillierte Informationen zu Materialzusammensetzung, CO2-Bilanz, VOC-Emissionen, Recyclinganteilen und Kreislauffähigkeit – also wirklich auf Produktebene, nicht nur auf Gebäude-Ebene. Und genau das gibt Architekten und Planern schon in der frühen Konzeptionsphase Orientierung und Planungssicherheit, etwa für Green-Building-Zertifizierungen oder die Anforderungen der EU-Taxonomie.

Herr Gröpler, haben Sie Dank für dieses Interview.

Die Fragen stellte Burkhard Talebitari

www.lindner-group.com

Die Lindner Group definiert relevante R-Strategien in Praxisanforderungen Quelle: www.Lindner-Group.comDie Lindner Group definiert relevante R-Strategien in Praxisanforderungen Quelle: www.Lindner-Group.com

Beispiel: Lindner nimmt Gipskarton- und Gipsfaserabfälle zurück und recycelt diese in einem patentiertem Verfahren im Werk in Dettelbach. Quelle: www.Lindner-Group.comBeispiel: Lindner nimmt Gipskarton- und Gipsfaserabfälle zurück und recycelt diese in einem patentiertem Verfahren im Werk in Dettelbach. Quelle: www.Lindner-Group.com

Modulares, flexibel versetzbares Raum-in-Raum System im Revitalisierungsprojekt Francis, Althan Quartier Wien Quelle: WalterLuttenbergerModulares, flexibel versetzbares Raum-in-Raum System im Revitalisierungsprojekt Francis, Althan Quartier Wien Quelle: WalterLuttenberger

Die Lindner Group baut nicht nur neu ein, sondern bietet auch verschiedene Services an wie die Aufbereitung von gebrauchten Produkten. Wie bei der ERGO Group in München: Nach 30 Jahren gab es für die perforierten Wandpaneele einen frischen Look bzw. neuen Lack. Quelle: www.Lindner-Group.comDie Lindner Group baut nicht nur neu ein, sondern bietet auch verschiedene Services an wie die Aufbereitung von gebrauchten Produkten. Wie bei der ERGO Group in München: Nach 30 Jahren gab es für die perforierten Wandpaneele einen frischen Look bzw. neuen Lack. Quelle: www.Lindner-Group.com