Abrissalter von Holzgebäuden mit einer angepassten Weibull-Verteilungskurve (Formparameter 𝑘 = 4,15 und Skalenparameter 𝜆 = 88,1 Jahre). Das angepasste Modell ergibt eine durchschnittliche Lebensdauer von Holzgebäuden von 80 Jahren.
Die Diskussion über die Klimawirkung des Bauens rückt den Holzbau immer stärker in den Fokus. Holz gilt als nachwachsender Rohstoff, speichert Kohlenstoff und kann die Treibhausgasemissionen des Bausektors deutlich reduzieren. Damit diese Vorteile langfristig wirksam werden, müssen Holzgebäude jedoch über viele Jahrzehnte genutzt werden. Eine aktuelle systematische Literaturübersicht der RWTH Aachen untersucht deshalb die Dauerhaftigkeit von Holzbauwerken, ihre tatsächlichen Lebensdauern sowie Strategien zur Verlängerung der Nutzungsdauer.
Die Auswertung von 87 wissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt, dass die Dauerhaftigkeit moderner Holzbauten häufig unterschätzt wird. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass Holzgebäude in den meisten Fällen nicht aufgrund struktureller Schäden abgerissen werden. Viel häufiger sind veränderte Nutzungsanforderungen, wirtschaftliche Überlegungen oder mangelnde Instandhaltung die Gründe für einen Rückbau.
Als zentrale Einflussgröße für die Alterung von Holz identifiziert die Studie Feuchtigkeit. Sie wirkt als Auslöser beziehungsweise Beschleuniger nahezu aller relevanten Schadensprozesse. Dazu zählen biologische Angriffe durch Pilze und Insekten ebenso wie physikalische Belastungen durch Witterungseinflüsse, UV-Strahlung, Quellen und Schwinden oder Korrosion von Verbindungsmitteln. Besonders kritisch sind dauerhaft erhöhte Holzfeuchten, da sie die Voraussetzungen für Pilzbefall und Fäulnis schaffen.
Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die grundlegenden Schadensmechanismen inzwischen gut erforscht sind. Deutlich weniger belastbare Informationen existieren jedoch zur tatsächlichen Lebensdauer von Holzgebäuden im Bestand. Viele der heute verwendeten Referenzwerte beruhen auf Experteneinschätzungen und sind nur eingeschränkt durch empirische Daten abgesichert. Dadurch entstehen Unsicherheiten bei Lebensdauerprognosen und Nachhaltigkeitsbewertungen.
Um die Nutzungsdauer besser abschätzen zu können, werden sogenannte faktorbasierte Lebensdauermodelle eingesetzt. Diese berücksichtigen unter anderem Nutzung, Exposition, Materialeigenschaften, Ausführungsqualität und Wartung. In einer beispielhaften Anwendung errechneten die Forschenden für eine innenliegende Furnierschichtholz-Stütze aus Buche eine erwartete Lebensdauer von rund 100 Jahren. Für einen Holzständer in einer Außenwand ergab sich eine prognostizierte Lebensdauer von 81 Jahren. Diese Werte stimmen weitgehend mit den in Abrissstudien beobachteten Gebäudestandzeiten überein.
Als wichtigste Strategie zur Lebensdauerverlängerung nennen die Autorinnen und Autoren den konstruktiven Holzschutz. Entscheidend sind Planungs- und Ausführungsdetails, die Feuchteeinträge vermeiden und eine schnelle Austrocknung ermöglichen. Ergänzend spielen regelmäßige Wartung, Instandhaltung, langlebige Konstruktionen sowie eine hohe Anpassungsfähigkeit an zukünftige Nutzungsanforderungen eine wichtige Rolle. Gebäude, die sich flexibel umnutzen oder modernisieren lassen, haben eine deutlich größere Chance, langfristig erhalten zu bleiben.
Die Studie sieht deshalb einen erheblichen Forschungsbedarf bei der Erfassung realer Lebensdauern von Holzgebäuden. Verlässlichere Daten könnten die Genauigkeit von Lebensdauerprognosen verbessern, Umweltbilanzen realistischer gestalten und das Vertrauen in den modernen Holzbau stärken. Die zentrale Botschaft lautet: Nicht die Materialdauerhaftigkeit ist heute die größte Herausforderung des Holzbaus, sondern die Sicherstellung einer langfristigen Nutzung durch gute Planung, Pflege und Anpassungsfähigkeit.
Quelle: Später, B.; Rauber, L. (2026): Durability in Timber Construction: A Systematic Review of Status Quo and Perspectives, Buildings 16(11), 2269.
https://doi.org/10.3390/buildings16112269


