Quelle: Roland HalbeQuelle: Roland Halbe

Mit dem neuen Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen haben a+r Architekten einen Bildungsbau geschaffen, der aus dem Bestand heraus entwickelt wurde. Ausgangspunkt des Projekts war ein bestehendes, teilweise aus dem Gelände herausragendes Parkdeck, das den Bereich zwischen den Schulgebäuden, der Primus-Truber-Straße und der Steinlach prägte. Anstatt die vorhandene Struktur zurückzubauen und durch einen vollständigen Neubau zu ersetzen, wurde sie in das architektonische Konzept integriert und weiterentwickelt. Auf diese Weise entstand ein neuer gemeinsamer Ort für die Gewerbliche Schule Tübingen, die Wilhelm-Schickard-Schule und die Mathilde-Weber-Schule.

Der Umgang mit dem Bestand prägt das Projekt sowohl konstruktiv als auch konzeptionell. Die vorhandene Tragstruktur des Parkdecks bildet die Grundlage für die neue Nutzung und zeigt exemplarisch, wie bestehende Bauwerke an veränderte Anforderungen angepasst werden können. Gerade bei öffentlichen Bauaufgaben gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung, weil er den Materialeinsatz reduziert und vorhandene Ressourcen weiter nutzbar macht. Statt einen Standort neu zu definieren, wird das Potenzial des Vorhandenen genutzt und in eine zeitgemäße Form überführt.

Isometrie, Quelle: a+r ArchitektenIsometrie, Quelle: a+r Architekten

Dabei beschränkt sich die Transformation nicht auf die bauliche Ebene. Wo zuvor vor allem eine technische Infrastruktur den Ort bestimmte, ist ein Gebäude entstanden, das den Campus räumlich zusammenführt. Als neues Bindeglied zwischen den Schulen stärkt es die Vernetzung der verschiedenen Bildungseinrichtungen und schafft zusätzliche Flächen für Unterricht, Begegnung und Aufenthalt. Der langgestreckte Baukörper übernimmt damit nicht nur eine funktionale Aufgabe, sondern ordnet auch die Beziehungen zwischen den bestehenden Gebäuden neu.

Aus Sicht des nachhaltigen Bauens ist insbesondere die Weiternutzung der vorhandenen Bausubstanz bemerkenswert. Jeder Erhalt von Tragwerk und Konstruktion vermeidet den Aufwand, der mit Rückbau, Entsorgung und Neubau verbunden wäre. Gleichzeitig bleibt ein Teil der bereits eingesetzten Materialien und der darin gebundenen Energie erhalten. Das Campusgebäude zeigt damit einen pragmatischen Weg auf, wie sich die Lebensdauer bestehender Bauwerke verlängern lässt, ohne auf neue räumliche Qualitäten zu verzichten.

Hinzu kommt, dass das Projekt auf einer bereits genutzten und versiegelten Fläche realisiert wurde. Anstatt zusätzliche Flächen zu beanspruchen, wird ein bestehender Standort verdichtet und weiterentwickelt. Die Transformation des Parkdecks macht deutlich, dass nachhaltige Architektur nicht zwangsläufig in spektakulären technischen Lösungen liegen muss. Oft entsteht ihr Potenzial durch einen sorgfältigen Umgang mit dem Vorhandenen und die Fähigkeit, bestehende Strukturen für neue Anforderungen nutzbar zu machen.

Das Campusgebäude der Beruflichen Schulen Tübingen steht damit beispielhaft für eine Planungsstrategie, die den Gebäudebestand als Ressource versteht. Durch die Umnutzung und Erweiterung einer bestehenden Struktur entstand ein zeitgemäßer Bildungsort, der funktionale, städtebauliche und ökologische Aspekte miteinander verbindet. Das Projekt zeigt, dass die Transformation vorhandener Bauwerke nicht nur eine Frage der Ressourcenschonung ist, sondern auch ein architektonisches Potenzial birgt, das vielerorts noch ungenutzt bleibt.

Quelle: Roland HalbeQuelle: Roland Halbe

Daten + Fakten

Projekt: Campusgebäude Berufliche Schulen Tübingen
Bauherrschaft: Landratsamt Tübingen
Standort: Tübingen-Derendingen, Primus-Truber-Straße
Nutzende: Gewerbliche Schule Tübingen, Wilhelm-Schickard-Schule, Mathilde-Weber-Schule
Architektur: a+r Architekten, Stuttgart/Tübingen
Wettbewerb: 2018, Planungsbeginn: 2020, Baubeginn: November 2022, Fertigstellung: März 2026, Nutzung: seit April 2026
Bruttorauminhalt: 25.292 m³ ohne Tiefgarage
Bruttogeschossfläche: 5.695 m² ohne Tiefgarage
Nutzfläche: 4.960 m² ohne Tiefgarage
Wärmeversorgung: Fernwärme
Energie: Photovoltaik auf den Dachflächen
Fotografie: Roland Halbe