Architektur wird für Jahrzehnte, manchmal für Jahrhunderte gedacht. Materialien und Oberflächen müssen diesem Anspruch gerecht werden. Nachhaltiges Bauen bedeutet deshalb nicht nur, Energieverbräuche zu reduzieren oder recycelbare Baustoffe einzusetzen. Es bedeutet auch, Gebäude dauerhaft zu schützen, Instandhaltungszyklen zu verlängern und den Verbrauch von Ressourcen über den gesamten Lebenszyklus zu reduzieren.
Gerade bei Fassaden und Oberflächen wird dieser Aspekt häufig unterschätzt. Eine Beschichtung ist weit mehr als ein gestalterisches Element: Sie schützt die Bausubstanz vor Witterungseinflüssen, prägt die Erscheinung eines Gebäudes und entscheidet mit darüber, wie lange eine Oberfläche intakt bleibt. Für Architekten und Planer wird damit die Wahl des Materials zu einer Frage von Gestaltung, technischer Qualität und langfristiger Verantwortung.
Bild 1 Rathaus Schwyz, Originalanstrich von 1891 © KEIMFARBEN
Einen besonderen Blick auf diese Verbindung von Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit bietet die Geschichte von KEIMFARBEN, weltweit führender Hersteller von Mineralfarben. Als Adolf Wilhelm Keim im 19. Jahrhundert nach einer dauerhaft beständigen mineralischen Fassadenfarbe suchte, ging es zunächst um die Verbindung von Ästhetik und technischem Anspruch. 1878 wurde das erste Keimsche Mineralfarbensystem patentiert. Aus diesem Anspruch entwickelte sich ein Unternehmen, das sich bis heute konsequent auf mineralische Farben und Beschichtungssysteme konzentriert. 150 Jahre später hat die Idee der Langlebigkeit eine neue Aktualität. Angesichts begrenzter Ressourcen und steigender Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Gebäuden rückt der gesamte Lebenszyklus in den Mittelpunkt: Welche Rohstoffe werden eingesetzt? Wie langlebig ist ein Produkt? Wie oft muss eine Oberfläche erneuert werden? Und welchen Beitrag leistet sie zum langfristigen Erhalt der Bausubstanz?
Bild 2 Stadtschloss Berlin © Stephan Falk
KEIMFARBEN versteht Nachhaltigkeit deshalb nicht als kurzfristigen Trend, sondern als Prinzip, das eng mit Qualität und Beständigkeit verbunden ist. Mineralische Farben, ressourcenschonende Lösungen und langlebige Beschichtungssysteme sollen dazu beitragen, dass Gebäude ihre Qualität möglichst lange bewahren – gestalterisch ebenso wie technisch. Nachhaltige Architektur endet nicht mit der Fertigstellung eines Gebäudes. Sie zeigt sich darin, wie gut es altert.
Rüdiger Lugert, Geschäftsführer von KEIMFARBEN, über Langlebigkeit, Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit und die Verantwortung eines Herstellers für nachhaltiges Bauen.
Herr Lugert, Nachhaltigkeit ist heute eines der zentralen Themen im Bauwesen. Was bedeutet nachhaltiges Bauen für KEIMFARBEN?
Nachhaltigkeit beginnt für uns nicht bei einem einzelnen Produkt und endet auch nicht mit dessen Verarbeitung. Wir betrachten das Thema ganzheitlich. Dazu gehören Langlebigkeit, Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit, Ressourcenschonung und Klimaschutz ebenso wie soziale Verantwortung. Entscheidend ist für uns die Frage: Wie können wir Produkte entwickeln, die möglichst lange funktionieren und dabei Mensch und Umwelt möglichst wenig belasten?
Bild 3 Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam © Stefan Müller
Sie sprechen die Langlebigkeit an. Warum spielt sie gerade bei Farben eine so wichtige Rolle?
Langlebigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil von Nachhaltigkeit. Wenn eine Fassade über viele Jahre ihre Schutzfunktion und optische Qualität behält, müssen weniger häufig Renovierungen durchgeführt werden. Das spart Material, Energie und letztlich auch Kosten. Für uns bedeutet Nachhaltigkeit deshalb nicht allein, ressourcenschonend zu produzieren, sondern Produkte mit einer möglichst langen Nutzungsdauer zu entwickeln. Für die Langlebigkeit der „Klassiker“ in der Fassadenbeschichtung garantieren wir bei KEIM als weltweit einziger Hersteller eine 20-jährige Farbtonkonstanz für pigmentbedingte Farbtonveränderungen. Gebäude wie z.B. in Stein am Rhein oder das Rathaus Schwyz beweisen, dass auch eine über 100jährige Farbtonbeständigkeit möglich ist.
Damit geht es bei KEIM offenbar nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um ein bestimmtes Verständnis von Qualität und Marke. Wofür steht KEIM heute?
Farbe muss schützen, dauerhaft funktionieren, die Architektur respektieren und zugleich gesunde, lebenswerte Räume schaffen. Genau daraus ergibt sich unser Verständnis von KEIM. Wir sehen uns nicht als modische Marke, sondern als substanzstarke Marke. Wir konzentrieren uns bewusst auf unsere Kernkompetenz im mineralisch-silikatischen Bautenschutz und wollen dort Markt- und Kompetenzführer sein und bleiben. Für unsere Marke heißt das: kompromisslose Qualität, echte Differenzierung, technologischer Vorsprung und nachhaltige Wertschöpfung – für unsere Kunden und für die Baukultur insgesamt
Ein weiterer Aspekt ist die Materialgesundheit. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie?
Eine sehr wichtige. Gebäude sind Lebensräume. Deshalb müssen wir uns nicht nur fragen, wie lange ein Material hält, sondern auch, welche Auswirkungen es während seiner Nutzung auf Mensch und Umwelt hat. KEIM setzt auf mineralische Rohstoffe und verzichtet konsequent auf den Zusatz von Lösemitteln, Weichmachern sowie Konservierungs- und Filmschutzmittel. Bereits 1993 haben wir mit KEIM Biosil die weltweit erste wohngesunde Innenfarbe auf den Markt gebracht.
Bild 4 Wohnquartier Mangalem 21, Albanien © KONTAKT Ltd.
Seit 2022 setzt KEIM zudem auf die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung. Was bedeutet dieser Ansatz für Sie?
Cradle to Cradle erweitert den Blick auf das Produkt. Es reicht nicht, nur die Herstellung oder die Nutzung zu betrachten. Wir müssen den gesamten Lebenszyklus verstehen: Woher kommen die Rohstoffe? Wie wird das Produkt hergestellt? Welche Auswirkungen hat es während der Nutzung? Und was passiert am Ende der Nutzungsphase?
Aus zunächst 65 zertifizierten Produkten im Jahr 2022 sind bei der Rezertifizierung in diesem Jahr 139 geworden. Damit decken sie mehr als 90 % unseres Farbabsatzes ab. Die Zertifizierung erfolgte nach dem aktuellen Cradle-to-Cradle Certified®-Produktstandard Version 5.0. Bewertet werden unter anderem Materialkreislauffähigkeit, erneuerbare Energien, Wassermanagement und soziale Verantwortung. KEIM erreichte dabei Cradle to Cradle Certified® Full Scope Silver, Material Health Gold sowie Circularity Silver gemäß Version 5.0. Das übergreifende Gesamtniveau Silber konnte trotz der deutlich strengeren Anforderungen des Standards 5.0 gehalten werden. Eine Gold-Zertifizierung des unabhängigen Cradle to Cradle Products Innovation Institute in San Francisco erhalten ausschließlich Produkte, die keinerlei Substanzen aus dem Verzeichnis verbotener chemischer Stoffe enthalten (Restricted Substances List) und die weder eine Gefahr für die Gesundheit noch für die Umwelt bedeuten. Die bisher getrennten Zertifikate für Silikatfarben auf mineralischen Untergründen und mineralische Holzfarben auf nichtmineralischen Untergründen wurden zusammengeführt. Künftig gilt ein Zertifikat für das gesamte zertifizierte KEIM-Portfolio. Das erleichtert die Kommunikation in Planungs- und Ausschreibungsprozessen und bietet eine übersichtlichere Grundlage für die Produktauswahl.
KEIMFARBEN wurde 2026 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Anstrichmittel und Farben ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für das Unternehmen?
Für uns ist der Preis vor allem eine Bestätigung eines Weges, den wir seit unserer Gründung 1878 verfolgen. Gleichzeitig verstehen wir die Auszeichnung als Auftrag, uns weiterzuentwickeln. Der Preis macht deutlich, dass Nachhaltigkeit zum neuen Qualitätsstandard wird und wohngesunde, emissionsarme Systeme keine Nische mehr sind, sondern erwartet werden. Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das man irgendwann erreicht, sondern eine dauerhafte Aufgabe und muss das gesamte Unternehmen und die gesamte Wertschöpfungskette umfassen. Nachhaltigkeit ist deshalb für uns kein Marketingthema, sondern Teil unserer Firmenstrategie.
Was können Architekten und Planer dieser ganzheitlichen Betrachtung für ihre Arbeit mitnehmen?
Die entscheidenden Weichen werden bereits bei der Materialauswahl gestellt. Architekten und Planer müssen heute technische Leistungsfähigkeit, Gestaltung, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zusammen denken. Zertifizierungen und belastbare Daten schaffen dabei Transparenz und helfen, Materialien bereits in der Planungsphase nach ihren Auswirkungen über den gesamten Lebenszyklus zu beurteilen.
Gab es in der Vergangenheit unbequeme Entscheidungen zugunsten der Nachhaltigkeit?
Ja, Nachhaltigkeit ist selten der einfachste Weg. Wir haben uns bewusst auf mineralische Systeme fokussiert, auch wenn andere Lösungen kurzfristig günstiger erschienen. Der konsequente Verzicht auf den Zusatz von Lösemitteln und Weichmachern, Investitionen in Umwelt- und Energiemanagement oder strengere Anforderungen an Lieferanten waren mit Aufwand verbunden. Langfristig zahlen sich diese Entscheidungen jedoch in Qualität, Vertrauen und Umweltwirkung aus.
Wo liegen die nächsten Herausforderungen?
Wir sehen uns nicht am Ziel. Die weitere Reduzierung von Emissionen, der Ausbau erneuerbarer Energien, mehr Transparenz bei Rohstoffen und Lieferketten sowie die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft bleiben wichtige Aufgaben. Forschung und Entwicklung spielen dabei eine zentrale Rolle. Unsere Produktentwicklung beeinflussen zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen prägende Entwicklungen. Auf der einen Seite stehen architektonische Leuchtturmprojekte, in denen die gestalterische und materielle Qualität mineralischer Farben sichtbar wird – so wie etwa der LACMA-Erweiterungsbau in Los Angeles. Auf der anderen Seite prägen das serielle und modulare Bauen unsere Entwicklung sehr stark. Diese Bauweise bringt neue Untergründe, neue industrielle Prozesse und neue Anforderungen an Beschichtungen mit sich. Unser Ziel ist es, die Stärken mineralischer Produkte auch in neue industrielle und nachhaltige Bauprozesse zu übersetzen. Unser Anspruch ist, auch hier mineralische Lösungen zu schaffen, die ökologische und technische Anforderungen gleichermaßen erfüllen.


