Daja Goesmann, Leitung Fachbereich Nachhaltigkeit, Hitzler Ingenieure GmbH & Co. KG Foto: privat
Ein Interview mit Daja Goesmann, Leitung Fachbereich Nachhaltigkeit bei Hitzler Ingenieure über Zirkuläres Bauen, Urban Mining und die Frage, wie Gebäude zu Ressourcen von morgen werden
Frau Goesmann, Zirkuläres Bauen als nächste Stufe der Nachhaltigkeit, würden Sie das unumwunden unterschreiben?
Nein, das würde ich nicht. Der zirkuläre Umgang mit unseren Ressourcen ist kein nächster Trend der Nachhaltigkeit, sondern eine logische und notwendige Konsequenz aus der immer deutlicher zutage tretenden Endlichkeit von Primär-Rohstoffen. Das hat mit Nachhaltigkeit – außer der Definition des langfristigen und längerfristigen Denkens - eigentlich gar nicht so viel zu tun, sondern eher mit dem, was man Systemerhaltungstrieb nennen könnte. Ein dringend notwendiger Schritt, um Wirtschaftskreisläufe aufrecht zu erhalten bzw. so zu verändern, dass verantwortungsbewusst mit den planetaren Ressourcen umgegangen wird. Dazu bedarf es eines geänderten Mindsets, weg vom linearen Denken hin zu Kreisläufen. Auf die Ressourcenengpässe wurde übrigens – für die Jüngeren unter uns – ja bereits in den 70er Jahren mit dem Buch ‘Die Grenzen des Wachstums‘ des Club of Rome 1972 hingewiesen.
Nachhaltiges Handeln heißt in dem Sinne für mich, Kreisläufe zu schließen und langfristig zu versuchen, als Mensch einen positiven Umwelt-Fußabdruck zu hinterlassen.
Kurzvita
Daja Goesmann
geb. 1975 in Braunschweig
Dipl.-Ing. Architektur (TU)
- Leitung Fachbereich Nachhaltigkeit Hitzler Ingenieure GmbH & Co. KG
- Leiterin DVP-Gruppe ‚Klimaschutz im Bauwesen‘
- Dozentin Nachhaltigkeit in der Projektsteuerung
- Gast AHO KF Nachhaltigkeit
- Mitautorin ‚Kompendium nachhaltige Bauwerke – Hochbauten‘
- Mitglied C2C NGO
Frau Goesmann, was ist genau ein Zirkuläres Mindset?
Der Begriff stammt von Prof. Dr. Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William Mc Donough und meint ein Design-Prinzip, das Ende der 90er Jahre als nachhaltiges Wirtschaftskonzept veröffentlicht wurde. Geneigte Leser können dies auch auf der Website der C2C NGO nachlesen, die einen Leitfaden für zirkuläres Bauen verfasst haben oder im Originalbuch: Cradle to Cradle von Prof. Braungart.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wir die richtigen Dinge besser machen, statt lediglich die falschen etwas weniger schlecht. Man könnte das sehr schön an Autoreifen darstellen: ein Großteil des Plastiks im Fluss- und Grundwasser kommt aus dem Abrieb von Autoreifen. Es ist also nicht sonderlich sinnvoll, das an sich „falsche“ Produkt optimieren zu wollen, sondern eher ein neues oder anderes Produkt zu entwickeln.
Zielsetzung ist es immer, in biologischen und technischen Kreisläufen zu denken und damit auch die lineare Wirtschaft zu verlassen. Entscheidend dabei ist es, nicht „weniger schädlich für die Umwelt zu sein“, sondern einen positiven Umweltfußabdruck zu hinterlassen. Hinzu kommt der Ansatz ‘Product as a Service‘ – also beispielsweise Bürostühle nur zu mieten. Im etwas größeren Format ist das beim C2C von HPP Architekten im Düsseldorfer Medienhafen geschehen, da hat der Holzfassaden-Hersteller ein Rückkaufsrecht erhalten, der Teppich wurde geleast.
Setz man so etwas um, ändert sich auch die Sicht auf die Dinge und Materialien. Zirkuläres Denken beginnt dort, wo Abfall gar nicht erst entsteht.
Zirkularität muss im Entwurf beginnen. Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?
Also im Bereich der Projektsteuerung und auch der Nachhaltigkeitsberatung würde ich ganz klar sagen: Zirkularität beginnt im Kopf und weit vor dem Entwurf.
Sie beginnt meines Erachtens bereits in der Bedarfsplanung und erfordert aktuell noch mutige Bauherren, die ebendiese Anforderungen bereits in die Rahmenbedingungen einpflegen. In der Projektsteuerung bedeutet das: möglichst früher Einstieg ins Projekt, um bereits in der Phase 0 das Projekt strategisch in eine zirkuläre Richtung zu begleiten. Unsere Aufgabe ist es, die Bedarfsplanung des Bauherrn zu prüfen, über Risiken und Chancen aufzuklären und in gemeinsamer Abstimmung entsprechende Anforderungen zu formulieren, die in Projektbeschreibungen sowie in Passagen zur Einarbeitung in die Planer-Verträge resultieren. Spätestens mit der Beauftragung der Planer beginnt das Teamplay: Ohne das entsprechende gemeinsame Mindset, also die ‚geistige Einstellung‘ des ganzen Teams, funktioniert es nicht.
In der Nachhaltigkeitsbegleitung des Bauherrn ziehen wir dann die mittlerweile existierenden Indizes zur Kreislauf-Fähigkeit heran, bewerten Planer-Ansätze und geben Hinweise zu Verbesserungspotentialen. Im Entwurf und auch schon davor bedeutet es, sich bereits frühzeitig mit den R-Strategien zur zirkulären Wertschöpfung (Re-Use, Re-Pair, Re-Think, Re-Purpose, Re-Cycle) auseinanderzusetzen. In der Umsetzung erfolgt z. B. eine frühzeitige Einbindung von regional verfügbaren Produkten wie z. B. Recyclingbeton, gebrauchten Fenstern etc. oder die Überlegungen, welchen Anforderungen neue Produkte genügen müssen - Sortenreine Trennbarkeit, einfaches Ausbauen, ggf. ein C2C-Siegel und dergleichen mehr. Das bewerten wir dann wiederum mithilfe von Entscheidungsvorlagen, in denen verschiedene Szenarien mit Auswirkungen auf Kosten, Termine, Qualitäten und Nachhaltigkeitsanforderungen dargestellt werden.
ReUse und seine spezifischen Schwierigkeiten. Wie zirkulär lässt sich wirklich bauen?
Nun, die einen sehen es als Problem, die anderen als Herausforderung. Sicherlich gibt es formalrechtliche Hürden, etwa bei der Wiederverwendung einer Brandschutztür. Zirkuläres Bauen fordert ein hohes Maß an Kreativität und Produktoffenheit. Wiederverwendung heißt nicht zwingend, dass das Material oder Bauteil in seinem ursprünglichen Sinn eingesetzt wird, alte Bücher z. B. können eine wunderbare gedämmte Zwischenwand darstellen.
Das Ziel sollte sein, Gebäude vollständig kreislauffähig zu denken. Das mag heute noch utopisch erscheinen, doch bereits ein Zielerreichungsgrad von 70 % wäre ein großer Fortschritt.
Wie sehen Sie zirkuläres Bauen im Spannungsfeld zwischen Neubau und Bauen im Bestand?
Bauen im Bestand ist grundsätzlich die ressourcenschonendste Lösung, bringt jedoch häufig technische und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich Grundsätzlich gilt: jede Vermeidung von neuer Flächenversiegelung ist gut. Zirkularität braucht Material, da stellt sich dann oft die Frage von Zwischenlagerung und Verwendbarkeit.
Im Neubau können Elemente aus dem Urban Mining sehr gut integriert werden; dadurch entstehen oft projektindividuelle Lösungen mit gewissem Charme. Zudem sollte der Neubau so aufgestellt sein, dass er Kreislauffähigkeit vereinfacht. Datenblätter oder am besten die direkte Integration der notwendigen Informationen in ein BIM-Modell (Stichwort FM) zwecks möglicher Suche in einer regionalen Datenbank für spätere Bauvorhaben wären hier hilfreich. Im Neubau könnte man auch das sogenannte C2C-Siegel prioritär behandeln. Das kann aber wiederum nur bauteil- bzw. produktbezogen erlangt werden und ist zudem im Drei-Jahres-Rhythmus zu erneuern.
Wissen Sie, schlussendlich könnte man die These Neubau mit der Antithese Bestand zu einer schönen Synthese führen. Dadurch profitieren beide voneinander. „Wahre“ Kreislauffähigkeit wird gelebt, indem im Neubau neue Standards geschaffen werden. Der aktuelle Bestand dient zunächst als Materiallager. Wird der Neubau später selbst zum Bestand, ist dieses Materiallager deutlich besser strukturiert, quantifiziert und digitalisiert – da schließt sich also der Kreis wieder.
Schließt er sich da nicht auch zu Ihrem Forschungsprojekt zirkularX?
Auf eine gewisse Weise schon. Bei dem Projekt entwickeln wir in einem Konsortium eine KI-gestützte SaaS-Plattform, die Bestandsgebäude digital erfasst, ihr Wiederverwertungspotential bewertet und daraus resultierend digitale Produktpässe erstellt, dabei haben wir den Fokus auf TGA und TGA-Bauteile und der dazugehörigen R-Strategien gelegt – soweit die Theorie. In der Praxis sind wir schon jetzt mit der Thematik der Datenbeschaffung und der Überprüfung der Validität beschäftigt. Wir erstellen Anforderungsprofile für den ditigalen Produktpass im Bestandsgebäude mit der Fragestellung, was ist nice-to-have und was sind absolute must-haves. Gibt es vielleicht auch die Möglichkeit, Daten generisch zu erzeugen und welcher Datengenauigkeit bedarf es überhaupt, um Zirkularität eineindeutig zu bestimmen? Anders als mittlerweile oft im Neubau existiert kein BIM-Modell; die Daten müssen also sortiert, strukturiert und klassifiziert werden, dabei ist eine trainierte KI ausgesprochen hilfreich. Wir hoffen, damit einen wesentlichen Beitrag zur Zirkularität, insbesondere der oft vernachlässigten TGA-Komponenten zu leisten. Aktuell befinden wir uns im Aufbau der Plattform, gerne halte ich Sie auf dem Laufenden. Hier der link zur Website: https://zirkular-x.tech
Um die Ergebnisse in die Gebäudebewertung als Materiallager einbringen zu können, setzen wir uns auch mit der Frage der Lebenszykluskosten auseinander, da es einen großen Unterschied macht, wo welche Kosten entstehen und welche Anfangsinvestitionen ggf. sogar gewinnbringend weiterverkauft werden können.
Modul B – Nutzungsphase: B1–B7
B1 Nutzung
B2 Instandhaltung
B3 Reparatur
B4 Ersatz
B5 Umbau / Erneuerung
B6 Betrieblicher Energieeinsatz
B7 Betrieblicher Wassereinsatz
Laut Nino Vultaggio haben Gebäude(teile) unterschiedliche Lebenszyklen.
Die These kann ich – wie aus Zertifizierungs- so aus Forschungssicht – voll und ganz unterschreiben. Bei Nachhaltigkeits-Zertifizierungen, z. B. nach BNB oder DGNB, ist eine Lebenszkylus-Kostenbetrachtung über einen Zeitraum von 50 Jahren anzustellen. Die orientiert sich an den Phasen Herstellung, Errichtung, Nutzung (Betrieb), Entsorgung, Wiederverwertung (Module A – D gemäß DIN EN 15804). Dabei legt man in der Nutzungsphase für unterschiedliche Bauteile bzw. Kostengruppen nach DIN 276 ebenfalls unterschiedliche Nutzungsdauern und damit auch Austauschzyklen fest, um so die Kosten über den gesamten Lebenszyklus darstellen zu können.
Das Fundament bekommt z. B. eine Nutzungsdauer von 50 Jahren, Brandschutztüren hingegen nur eine solche von 20 Jahren (also zweimaliger Austausch während eines Lebenszyklus). Man könnte sogar ebenda ansetzen und sich fragen: was für ein Produkt benötige ich, damit die Brandschutztür weiter ihre Zulassung behält oder: wie und wo kann ich die Tür weiterverwenden oder Materialanteile derselben?
Allerdings streitet sich die Fachwelt bereits seit über zwei Jahren darüber, ob und wie das Modul D in die Ökobilanzierung oder Lebenszyklus-Kostenbetrachtung mit einfließt. Hier geht es um Systemgrenzen – wo hört das eine Gebäude auf und wo fängt die Bilanzierung des anderen an? Da haben wir noch etwas Arbeit vor uns, bis der Kreis geschlossen wird.
Wie steht es denn aus Sicht des Bauherrn um Gestaltungsspielraum und Kosten?
Nun, durch die aktuelle Regulatorik werden Bauherren – insbesondere öffentliche – mehr und mehr zu kreislauffähigem Bauen verpflichtet. Doch die Abbildung im Planungsprozess ist derzeit eine Herausforderung, denn wenn man z. B. bei einem Schulbau Fenster aus dem Urban Mining fordert, kann es passieren, dass die Fassaden nicht gleichförmig aussehen, sondern nach Angebot der jeweiligen Fensteranzahl in Art und Form differieren. Eine neue Form der Ästhetik könnte daraus entstehen. Dafür aber braucht es eine neue Art des Entwerfens und vermutlich im Prozess Workshops, auch mit Bauherren und Nutzern (im vorgenannten Falle mit Lehrern und vielleicht auch Schülervertretern) oder eine neue Art von Vertrauen den Gestaltenden gegenüber.
Herausfordernd könnte es bei den Kosten werden, oder?
Absolut! Aktuell gibt es hier eine Obergrenze, die einzuhalten ist. Tatsächlich erachte ich das sogar im Rahmen des zirkulären Bauens für notwendig. In der Umsetzung würde das mehrere dokumentierte Entscheidungsschritte bedeuten. So könnte man bereits in der LPH2 Kostenabwurfpakete gestalten, gestaffelt nach bei Abwurf notwendigen Planerleistungen und Auswirkungen auf die Nachhaltigkeitsziele (jeweils (keine/ gering / mittel / umfangreich), um dann gezielt entscheiden zu können, welche Prioritäten man als Bauherr setzt.
Eine neue Art der Berechnung – wie es das UBA ja schon betreibt – mit einem jährlich steigenden CO2-Kostenfaktor wäre sinnvoll und aus meiner Sicht konsequent einzuführen (https://uba.co2-rechner.de/de_DE/).
Damit ließen sich auch die – aktuell noch meist erhöhten – Kosten anders darstellen, bzw. in der Konsequenz mit einem anderen Schwerpunkt, nämlich dem für die Erderwärmung verantwortlichen CO2.
Aktuell aber werden nur die reinen Investitionskosten – also eine eher kurzfristige Betrachtung – ausgewiesen. Da ist der mittlerweile zu beobachtende Übergang zur vermehrten Betrachtung von über einen Zeitraum von 50 Jahren positiv zu bewerten.
Es dürfte noch ein Weilchen dauern, bis das New Normal in Politik und Bauwesen angekommen ist. Vorreiter und gute Beispiele gibt es jedenfalls zur Genüge.
Abschließend: Zirkuläres Bauen und das noch lineare Baurecht. Was müsste sich ändern?
Das ist ein herausforderndes Thema, bereits bei der versuchten Einführung des Gebäudetypes E gab es viel Kritik und Bedenken. – Da wären wir wieder beim Mindset.
Wie in der Frage zu den Lebenszykluskosten dargestellt, ist für nachhaltiges und zirkuläres Bauen eine langfristige Betrachtung vonnöten (im Französischen heißt Nachhaltigkeit „dévelopement durable“ – also langanhaltende Entwicklung); aktuell werden aber die Umweltkosten und auch die langfristigen monetären Kosten überhaupt nicht betrachtet. Da bedarf es eines Umdenkens und auch eines Umformulierens. Gebäude sollten nicht als Endprodukt verstanden werden, sondern als Materialbank für kommende Generationen. Um eine Wiederverwendbarkeit möglichst einfach darstellen zu können bedarf es auch einer eindeutigen Definition und einer Datenverlässlichkeit, um langfristig planen und bauen zu können.
Frau Goesmann, haben Sie Dank für dieses Interview
Die Fragen stellte Burkhard Talebitari www.hitzler-ingenieure.de
Quelle: Hans Sauer Stiftung
Quelle: the cradle - HPP Architekten
Quelle: C2C NGO

Quelle: Gebäudeforum Klimaneitral


