
Das Buch Architektur im Anthropozän reiht sich ein in die aktuelle Debatte um Klimakrise, Ressourcenverbrauch und planetare Grenzen, geht aber einen Schritt weiter: Es fragt nicht, wie Architektur nachhaltiger werden kann, sondern welchen Anteil sie an der Entstehung der ökologischen Krise hatte. Was bleibt von der Architekturgeschichte, wenn künftig nicht Museen, Villen oder Kathedralen als Schlüsselbauwerke unserer Epoche gelten, sondern Serverparks, Müllverbrennungsanlagen, Saatgutbunker und Autobahnkreuze? Von dieser Perspektivverschiebung lebt Architektur im Anthropozän.
Das Gedankenexperiment besteht darin, die Gegenwart aus der Perspektive zukünftiger Archäologie zu betrachten. Die Aufmerksamkeit gilt nicht den kanonischen Meisterwerken der Baugeschichte, sondern den vermeintlich schnöden Infrastrukturen unserer Lebensweise. Kraftwerke, Logistikzentren, Schweineställe, Datenzentren oder Mülllandschaften werden zu den Technofossilien des Anthropozäns. Aus ihnen entsteht eine andere Architekturgeschichte, die zeigt, wie eng Bauen, Wirtschaften und Ressourcenverbrauch miteinander verflochten sind. Überzeugend ist dabei die Breite der Betrachtung. Wohnen erscheint als Geschichte steigender Flächenansprüche, Mobilität als Motor fossiler Lebensstile, Beton als materieller Ausdruck eines Fortschrittsversprechens, dessen ökologische Kosten lange ausgeblendet wurden. Architektur wird nicht als autonome Disziplin behandelt, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse, ökonomischer Interessen und kultureller Leitbilder. Das Buch ist dabei parteiisch und erscheint folglich weniger als klassische Architekturgeschichte denn als kritische Bestandsaufnahme. Nicht jede Zuspitzung wird alle überzeugen, und mitunter überlagert die gesellschaftliche Diagnose die architektonische Analyse. Dennoch liegt genau darin eine Stärke. Die Lektüre eröffnet neue Perspektiven auf scheinbar alltägliche Bauwerke und macht sichtbar, wie tief Architektur in die ökologischen und sozialen Konflikte der Gegenwart verstrickt ist.
Architektur im Anthropozän ist ein kluges, anregendes und stellenweise herausforderndes Buch. Wer konkrete Lösungen für nachhaltiges Bauen sucht, wird es mitunter als zu essayistisch empfinden. Wer Architektur jedoch als Teil einer größeren Geschichte von Wachstum, Ressourcenverbrauch und gesellschaftlichem Wandel verstehen möchte, findet hier eine ebenso originelle wie wichtige Analyse. Danach wirken viele Gebäude, Infrastrukturen und Landschaften anders als zuvor – und das ist vielleicht die größte Leistung dieses Buchs.
Architektur im Anthropozän
Eine spekulative Archäologie
Friedrich von Borries
Suhrkamp (2024)
464 S., Hardcover, 32 Euro


