Nachhaltige Architektur ist eine schöne Chimäre
Bernhard Hauke, nbau Chefredakteur, Foto: Stefan Hähnel
Mit der Frage What if Nature Comes First? fordert die Oslo Architecture Triennale 2026 ein Umdenken in der Architektur. Bauwerke sollen erhalten statt abgerissen, Materialien lokal statt global beschafft und Planungen konsequent an den Grenzen der Natur ausgerichtet werden. Nicht der Preis, sondern der ökologische und gesellschaftliche Wert soll Maßstab für Architektur sein. Dafür, so Kuratorin Line Ramstad zur Eröffnung Mitte September in Oslo, müssen wir unser Verhalten ändern.
Die Zustimmung der versammelten norwegischen und internationalen Architekturszene war groß. Diese intrinsische Motivation und Haltung sind zweifellos eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die Natur zuerst kommt. Aber ist diese auch hinreichend? Ist die Transformation per Überzeugungskraft einer engagierten Elite, quasi von oben, möglich?
Die OAT-Projekte geben dazu verschiedene Perspektiven. Sian Ricketts von Carmody Groarke zeigt am Erweiterungsbau des Design Museum Gent Kreislaufwirtschaft konkret. Mit dem Gent Waste Brick wurde ein spezieller Verblendziegel entwickelt, der zu 63 Prozent aus regionalen Recyclingmaterialien wie Bauglas und Altbeton besteht, nicht gebrannt wird, sondern aushärtet und nur etwa ein Drittel der Emissionen eines konventionellen belgischen Ziegels verursacht. Gleichzeitig wird leise vermittelt, dass auch nicht regional produzierte Bindemittel benötigt werden: hydraulischer Kalk und Weißzement, letzterer auch aus Gestaltungsgründen.
Einen anderen Weg beschreibt Jonathan Grinham von der Harvard Graduate School of Design. Aus ungenutzter Restwolle der Textilindustrie werden wärmedämmende Fassadenplatten für die energetische Sanierung von Wohnhäusern produziert. Bemerkenswert ist neben dem schönen Produkt insbesondere die industrielle Vorgehensweise. Genutzt werden vorhandene Anlagen und Kompetenzen der gebeutelten amerikanischen Woll-, Papier- und Holzwerkstoffindustrie.
Die Bauwende wird nicht dort gewonnen, wo die Haltung am konsequentesten ist, sondern dort, wo daraus tragfähige Perspektiven für Menschen entstehen.
Noch deutlicher formuliert es Fredrik Barth von VILL Arkitektur. Ausgediente Schiffe und Offshore-Anlagen werden meist in Südasien verschrottet. Nordic Circles nutzt diese hingegen als regionale Materiallager. Nach Rückbau, Prüfung und Dokumentation werden daraus Stahlprofile, Träger, Stützen oder Fassadenelemente für den Hochbau, also Upcycling. „Wir müssen nicht den Ziegelstein immer wieder neu erfinden, sondern das nutzen, was bereits da ist.“
Ist das ein Schlüssel zur Transformation? Vorhanden sind nicht nur zahlreiche Bestandsbauten sowie enorme Materialbestände in maritimen und urbanen Minen. Vorhanden sind auch Industrieanlagen, Fertigungskapazitäten, Lieferketten und vor allem Menschen mit Wissen, Erfahrung und handwerklichen Fähigkeiten, an denen wiederum Unternehmen, Regionen und ganze Familien hängen.
Die Bau- und Energiewende wird wohl nur dann erfolgreich sein, wenn sie vermehrt als gesamtgesellschaftliche Perspektive empfunden wird. Weniger Verzicht, weniger moralische Selbstvergewisserung, weniger exklusive Leuchtturmprojekte. Dafür mehr wirtschaftlich tragfähige Modelle auch für Ingenieurbüros, Bauunternehmen, Baustoffhersteller, Handwerksbetriebe und Industrieunternehmen.
So wichtig und inspirierend einzelne Projekte auch sein mögen: Nachhaltigkeit entscheidet sich letztlich nicht in der Ausnahme, sondern im Regelfall. Die Bauwende wird nicht dort gewonnen, wo die Haltung am konsequentesten ist, sondern dort, wo aus dieser Haltung tragfähige Perspektiven für Bauwirtschaft und Menschen entstehen. Und das muss dann eine Architektur sein, bei der die Natur an erster Stelle steht. Und der Mensch dazugehört.
Im engeren Sinne gibt es nachhaltige Architektur vielleicht gar nicht – das ist eine schöne Chimäre –, sondern nur Architektur an sich und nachhaltig Bauen insgesamt als gesellschaftliche Aufgabe.
Bernhard Hauke nbau Chefredakteur


