Wie geht Transformation in Krisenzeiten?
Deutschland lechzt nach Reform, aber leere Formeln verbarrikadieren den Fortschritt. Nachhaltigkeit und Transformation treffen auf Unwilligkeit und Widerstand. Dazu gibt es bei den Nachhaltigkeitsstrategien auch interne Baustellen und Probleme. Die aktuelle Frage ist, geht da noch was oder war es das?
Allgemeines Jammern trifft auf politische Fehler
So viel Rollback wie heute war noch nie. Klimaschutz und Nachhaltigkeit rutschen von der Top-Agenda. Umweltbehörden sollen zerschlagen werden. Ziele und Ambitionen werden infrage gestellt. Die Welt erzeugt 2023 so viel CO 2 wie nie zuvor. Die Ölnachfrage war noch nie so hoch. Das klimapolitische 1,5-Grad-Ziel ist mehr oder weniger gerissen. Deindustrialisierung, Sozialbetrug, Bürokratie, misslungene Politik, geopolitischer Stress, gesellschaftliche Bindungsschwäche, die Auto-Krise, schleppende Digitalisierung, Vertrauensverlust. Das Sammelsurium schlechter Nachrichten wächst stetig.
Offensichtlich gab es auch früher kleine und große Widerstände gegen Pioniere und deren transformative Initiativen. Oft ging es zu langsam und zögernd, zu behäbig, selten geradeaus und meist mit Umwegen – aber es ging irgendwie voran. Jetzt nicht mehr. Die Kirche im Dorf lassen ist der politische Trend. Und die Idee der Nachhaltigkeit begegnet gleich doppeltem Misstrauen. Die einen sehen ausschließlich Bevormundung , die anderen sehen ausschließlich Greenwashing . Das sind extreme Zweckbehauptungen, die so hermetisch nicht der Wirklichkeit entsprechen. Dem zum Trotz jammern und skandalisieren alle um die Wette. So verunsichert man das Publikum und die Akteure, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen. Wenig hilfreich ist, dass der politische Mainstream der letzten zehn Jahre zu einseitig auf staatliche Regulierung setzt und das nachhaltige Unternehmertum vernachlässigt bis ignoriert. Das verstärkt den Gegenwind und trägt dazu bei, dass die Verunsicherung in Krisenzeiten als politischer Brandsatz wirkt.
Wer im Gegenwind bestehen will, muss seinen Standort kennen
Wer im Gegenwind bestehen will, muss seinen Standort kennen. Eine solche Einordnung der Fakten und Trends kommt zu dem überraschenden Ergebnis, dass die Stimmung schlechter ist als die eigentliche Lage. In Deutschland ist der Ausstoß von Treibhausgasen rückläufig. Und es stimmt: Noch immer ist der klimaneutrale Industrieumbau in Deutschland Konsens; noch immer ist die Veränderungsbereitschaft stärker als die Beharrung; noch immer ist der Ankerbegriff Nachhaltigkeit positiv besetzt. Deutschlands Export ist immer noch stark. Und Innovation legt Erfolgsspuren. Das sind ohne Zweifel Pluspunkte. Sie sind zwar rückläufig, aber immer noch maßgebend. Wie keine zweite Bewegung hat das Thema Nachhaltigkeit einen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, Wissen um planetare Grenzen und menschlichem Ermessen in Verantwortung und Freiheit zustande gebracht. Das muss man sich vor Augen führen, um das Echo-Jammern einzuordnen und zu erkennen, dass so manches doch arg biedermeierlich daherkommt.
Mehr Nachhaltigkeit wagen
Die deutsche Geschichte kennt Situationen, in denen große Signale den Weg aufzeigen, wie etwa Willy Brandt s „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ und die Wiedervereinigung Deutschlands. Auch die Botschaft von Angela Merkel und Peer Steinbrück von 2008, „Die Einlagen sind sicher“, gehört in diese Reihe. Heute haben wir wieder Bedarf. Wir müssen mehr Nachhaltigkeit wagen. Das politische Konzept der nachhaltigen Entwicklung bietet mehr Lösungen und Chancen als alle konventionellen Politik-Rezepte der monetären Entlastung, Steuersenkung und Subvention zusammengenommen.
Den wichtigsten Grund für den Gegenwind sehen Nachhaltigkeits-Akteure oft darin, dass die Menschen den Klimaschutz noch nicht gut verstünden und Politik besser erklärt werden müsse. Gegen bessere Kommunikation spricht grundsätzlich nichts – und da ist tatsächlich auch noch viel Luft nach oben. Im Kern geht es allerdings nicht um das Erklären, sondern um die Sache selbst. Da ist es immer noch so, dass schlechte Politik nicht dadurch besser wird, dass man sie besser erklärt. Umgekehrt gilt, dass gute Politik für sich selbst spricht.
Nachhaltigkeit ist keine Petitesse, der man fröhlich zustimmt, wenn es gerade passt, und die man fallen lässt, wenn es Ärger gibt. Diese Haltung zerstört Vertrauen. Wer dagegen Vertrauen gewinnen will, muss sich selbst etwas zumuten und anderen etwas zutrauen – und zwar auf Fakten aufbauend, mit wissenschaftlicher Fundierung, nah an der Lebenswirklichkeit, mit verständlicher und emphatischer Sprache. Am nächsten kommen dem heute die vielen unternehmerischen Initiativen zum nachhaltigen Wirtschaften. Sie zeigen, was heute Fortschritt und gutes Risikomanagement ausmachen.
Der Nachhaltigkeitsbericht soll Geschäftsentscheidungen verbessern, das Makromanagement strukturieren, nach innen motivieren und Selbstwirksamkeit ermöglichen. Eine bedingungslose Grunddatensammlung war niemals gewollt, aber Regulierungsfehler haben die Berichterstattung zu einem Schimpfwort und Nervthema gemacht. Leider. Zurzeit arbeitet die Europäische Kommission an einer Lösung. Hoffentlich schüttet sie das Kind nicht mit dem Bade aus. Denn die Substanz ist gut und wichtig. Sie setzt auf Eigenverantwortung, Offenheit, Partnerschaft und auf ambitionierte Ziele. Das muss ausgebaut werden, um mehr Nachhaltigkeit zu wagen. Zu einem viel größeren Wagnis dürfte es in jedem Fall werden, genau das nicht zu tun.
Das Internationale anders denken
Nach allem, was wir wissen und uns vorstellen können, setzt das Überleben auf einem heißen Planeten, der zudem bioverwüstet ist und dessen Ressourcen endlich sind, eine internationale Kooperation voraus. Eine Zusammenarbeit, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Das ist eine Leistungsanstrengung. Der Weg führt über gespannte Seile, nicht durch Hängematten. Reindustrialisierung, produktive Nachhaltigkeit und eine starke industrielle Basis in Deutschland sind dafür eine Voraussetzung. Der Umbau der Industrie ist doch selbst Industrie. Hier liegt auch die Voraussetzung für Sicherheit und unsere strategische Souveränität als Teil Europas.
Der Weg führt über gespannte Seile, nicht durch Hängematten
Afrika, China und Indien sind überproportional hart von dem Klimawandel betroffen und deswegen auch wohl oder übel Teil der Lösung. Wir beklagen uns viel über unfaire Subventionen und Zölle. Warum ändern wir nicht den Rahmen und reden über den Klima-Wettlauf? Andere bauen in Afrika schlüsselfertige Weltraumbahnhöfe – warum baut Deutschland dort nicht Recyclinghöfe? Sind wir zu einer regelbasierten Unterstützung von Nachhaltigkeitsstrategien in der Lage? Eine Gewissheit ist unabweisbar und sie spricht für eine aktive Rolle Deutschlands: Die meisten wissenschaftlich-technischen Lösungen und die meisten kulturellen Muster, die wir für eine volle Klimaneutralität brauchen, sind erst noch zu erfinden und erst noch zu entwickeln. Die oft zitierte politische Klage Wir haben keine Zeit mehr übersetze ich für mich in: Wir haben zu wenig Partner . Und daran könnte man mit Erfolg arbeiten.
Darf man mit Nachhaltigkeit Geld verdienen?
Greenwashing ist in den letzten drei Jahren zu einem festen Begriff in der Szene geworden. Für manche ist der Verdacht auf Greenwashing der Hype der Stunde. Sicherlich gibt es solcherart Betrugsfälle, gibt es echte schwarze Schafe. Aber die rechtfertigen nicht, einen generellen Verdacht auf Greenwashing bei allem und jedem daraus abzuleiten. Tatsächlich lassen sich auch Unternehmen finden, die sich in Richtung einer nachhaltigen Transformation vortasten, erste Schritte unternehmen und damit werben oder die sich große Ziele vornehmen, die mit dem Vorwurf konfrontiert werden, nicht genug zu tun und sich von den richtigen Anstrengungen freikaufen zu wollen. Das Misstrauen gegen die Wirtschaft ist verbreitet. Mit grünen Ideen schwarze Zahlen zu schreiben, ist zwar rhetorisch weitgehend gelernt, dennoch wird oft misstrauisch gefragt, ob man denn mit Nachhaltigkeit wirklich Geld verdienen darf und ob das nicht alles zu kommerziell wird. Dabei ist es doch genau umgekehrt: Profite aus nicht nachhaltigen Produkten – das ist das Verwerfliche. Also, darf man Geld mit Nachhaltigkeit verdienen? Man darf nicht nur, man muss!
Die Wächter
Was verspricht mehr Erfolg: Mehr Staat oder weniger Staat? Mehr Regulation oder mehr Freiheit? Mehr Pflicht oder mehr Kür? Technologieoffenheit oder Industriepolitik? Das sind die gängigen Gegensätze. Mich erinnern sie an das Bild der Wächter an Brückenköpfen links und rechts an der Brücke, die ihr jeweiliges Bauwerk selbstgenügsam sichern und sich wenig für die Brücke selbst interessieren. Wie man von A nach B und zum anderen Ufer kommt, ist ihnen egal. Genau das aber ist der wichtigste Teil des transformativen Wegs.
Transformative Trends setzen sich i. d. R. nicht disruptiv durch, sondern als Evolution des Bestehenden. Dazu gehören Rahmenbedingungen, die nicht beliebig sind und die gezielt geschaffen werden müssen. Das Neue muss sich zeigen können, es muss sich bewähren können. Es muss die Chance haben, Diskussion, Neugier und Interesse zu wecken, um zugleich als normal erkennbar zu werden. Hier kommt der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ins Spiel. Er schafft wesentliche Teile dieses Rahmens und setzt auf die unternehmerische Verantwortung, auf Initiative und Handlungsfreiheit jenseits der bloßen Einhaltung regulatorischer Pflichten (die natürlich eingehalten werden müssen). Diese transformative Unternehmensethik ist zurzeit der Kraftquell der Transformation. Das vorregulatorische Umfeld mit den Mechanismen zur Anerkennung von Leistung und zum wertschätzenden, kritischen Diskurs ist der Baustein für Selbstwirksamkeit – und damit für Nachhaltigkeit und Klimaneutralität.
Dass es keine in Stein gemeißelten Anleitungen gibt, versteht sich von selbst. Wer die Welt verändern will, muss bereit sein, sich stets auch selbst zu ändern. Wer im Gegenwind bestehen will, braucht große Standfestigkeit und geschmeidige Beweglichkeit. Standfestigkeit im Ziel und Anspruch und Geschmeidigkeit in Methoden und Verfahren.
Realistisch bleiben, aber mit explorativem Realismus
Bei der Transformation geht es um Technik wie etwa erneuerbare Energiewirtschaft, Kreislaufwirtschaft, neue Werkstoffe, Wasserstoff, Sensorik und Messtechnik, Quanten- oder Biotechnologie, künstliche Intelligenz. Es geht um Daten und Verfahren. Es geht um Stadt und Land. Mit einem großen Ruck lässt sich das nicht alles auf einmal ändern. Oft wird gemahnt, man soll doch realistisch bleiben, und gemeint: auf dem Boden der Tatsachen bleiben, nicht zu optimistisch sein. Ich halte dagegen: Wir müssen auf dem Boden der Möglichkeiten bleiben. Denn die Realität besteht nicht nur aus dem, was geworden ist , sondern auch aus dem, was wird und möglich werden kann . Die Möglichkeiten sind das Greifbare, aber noch nicht Realisierte. Sie ergeben sich aus dem Blick über den Tellerrand, aus der unerwarteten Allianz und aus wissenschaftlicher Arbeit. Vollständig ist Realismus erst als explorativer Realismus. Der fliegt einem nicht einfach zu, sondern muss stetig erarbeitet werden, auch um diesen von reinem Wunschdenken zu unterscheiden.
Die Möglichkeiten ergeben sich aus dem Blick über den Tellerrand
Die gute Nachricht ist, dass Menschen hierfür ein Gefühl haben. Kein Mensch ist per se nachhaltigkeitsfern . So wenig, wie irgendjemand bildungsfern ist. Jedes Kind erkundet seine Umwelt und will verstehen und wissen. Wo das eingebremst und enttäuscht wird, wo wir also vom Zerrbild Bildungsferne reden, sollten wir eher über die Menschenferne der Strukturen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft nachdenken. Der Begriff der Technologieoffenheit enthält auch ein solches Zerrbild. Für Ingenieure ist Technologieoffenheit ein positiv besetzter Fachausdruck. Der politische Kontext setzt ihn als Kampfbegriff gegen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele ein. Dann verzögert er und schiebt auf.
Mit dem Bauen fängt alle nachhaltige Entwicklung an
Bevor eine Maschine läuft und bevor ein Feld bestellt wird, ist irgendwo etwas gebaut worden. Das Bauen realisiert die Erwartungen an die Zukunft. Das schließt übrigens das Nachdenken darüber ein, was nicht gebaut und gebraucht wird. Wie gut das Bauen ist, ist eine Frage von Raum und Ort, der Materialien, der Ästhetik sowie der Zweckmäßigkeit und Lebensdauer, einschließlich der Berücksichtigung der Fähigkeit zum Recycling und zur Wiedernutzung. Zurzeit ist das Ergebnis ernüchternd. Rem Koolhaas nennt es Junk-Space. Und die Verödung der Innenstädte und Dorfkerne gibt es obendrein noch gleich dazu. Es geht indessen auch anders. Es bedeutet, den Status quo der Bau- und Immobilienwirtschaft tiefgreifend zu verändern. Damit das kein sonntäglicher Sinnspruch bleibt, haben Fachleute die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen etabliert. Sie ist mittlerweile Europas größtes, fachlich versiertes Netzwerk von Architekten, Ingenieuren, Designern und Planern sowie Fachleuten für Landschaft, Baumaterialien und Recycling. Dieses Netzwerk ist ein Beispiel für die transformative Integration von Fachwissen. Kriterien und Standards für das nachhaltige Bauen sind seit den Nullerjahren deutlich vorangekommen. Sie sind praxisrelevant, aber sie dominieren die Praxis noch lange nicht.
Die Welt produziert jährlich rd. 400 Mio. t Kunststoffe. Dämmplatten, Baumaterialien, Flaschen, Textilien und Verpackung sind im Grunde so etwas wie unkontrollierte Zwischenlager. Ist es ein Naturgesetz, dass UV-Stabilisatoren, Flammschutzmittel und Weichmacher giftig sein müssen? Müssten wir nicht – solange wir noch keine Biopolymere nutzen – die Bauprodukte aus Erdöl in ihre chemischen Bausteine zerlegen und wieder zu erneuten Produkten zusammensetzen?
Durch nachhaltiges Bauen können Emissionen von Treibhausgasen in erheblichem Ausmaß vermieden werden. Leider vernachlässigt die übliche Methode von Klimabilanzen diesen Effekt. Ein vollständiger Saldo wäre aber nötig, um Alternativen gangbar zu machen. Er würde den strategischen Pluspunkt des nachhaltigen Bauens noch besser sichtbar machen. Für die Geschäftsbilanzen von Unternehmen ist das ein valider, teils sogar essenzieller Gesichtspunkt. In der Entsorgungs- und Kreislaufwirtschaft werden praktische Initiativen und Standards für einen solchen Gesamt-Saldo vorangetrieben, der auch die vermiedenen Emissionen enthält. Für das nachhaltige Bauen können sich hier neue Allianzen und Entwicklungspartnerschaften ergeben.
Wer verschiebt, scheitert
Auf Zeit spielen ist im Fußball gelegentlich ein probates Mittel der Wahl. Beim Klimaschutz ist es das nicht. Verzögern heißt, die Herausforderungen zu verschärfen. Ziele einzukassieren vermindert den Druck, die Bürokratisierung zu reduzieren und die Entscheidung zu beschleunigen. Verschieben heißt scheitern, weil das Pendel zugunsten einer Absage an die Nachhaltigkeit ausschlägt. Scheitert aber der europäische Klimaschutz, dann scheitert Europa. Ist das zu hart gesagt? Aber was ist, wenn es stimmt? Nachhaltigkeit muss wieder in die Offensive gelangen. Das ist auch möglich, indem die Baustellen konstruktiv adressiert werden.
Verzögern heißt, die Herausforderungen zu verschärfen
Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex will den Zeit- und Arbeitsaufwand für die Nachhaltigkeits-Berichterstattung spürbar reduzieren. Es wird Unternehmen zum Vorteil, wenn sie ihre Themen anlässlich der verschiedenen Vorformen des Lieferkettenrechts schon strukturiert angegangen sind.
Die Kreislaufwirtschaft und der Schutz der Artenvielfalt eröffnen den nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen vielfältige Chancen. Eine grundlegende Reform des Strommarkts und der Energiepolitik ist überfällig. Auch die Kompensation von Restemissionen und Naturverbrauch muss neu überdacht werden. Selbst ein klimaneutrales Deutschland wird mit Restemissionen umgehen müssen. Um von einer echten Null bei uns (und in Europa) sprechen zu können, muss der Mehrwert am Äquator geschaffen werden. Innerhalb Deutschlands wird jeder Eingriff in die Natur rechtlich zwingend kompensiert. Das muss endlich auch international gelten. Eine anspruchsvolle und ehrliche Klimakompensation würde zudem die Regionen im globalen Süden vom Almosenempfänger zum echten Partner machen. Kompensation muss sowohl Sozial- als auch Industriepolitik sein.
Echte Fortschritte zu unseren Lebzeiten?
Man fragt sich in der Tat, ob echte Fortschritte zu unseren Lebzeiten überhaupt möglich sind. Es wird einem heutzutage leicht gemacht, entmutigt zu sein.
Aber andererseits: Weltweit gesehen gehört Deutschland, gehören wir zu den am meisten privilegierten Menschen. Wir leben gut, wir können uns informieren, wir genießen die Freiheit der Meinung und des Engagements. Wir haben Netzwerke, nicht zuletzt haben wir auch die Ironie auf unserer Seite. Wenn wir verzweifeln, was sollen dann andere tun, denen es nicht so gut geht?
Seit 50 Jahren arbeite ich auf dem Feld der Nachhaltigkeit. Im Beruf, im Ehrenamt, mit und manchmal auch gegen NGOs, konstruktiv, protestierend, mahnend, aufklärend, teils vor dem Vorhang, teils dahinter. Und ja: Auch schon mal mit unbeholfen erhobenem Zeigefinger, aber meist doch mit der offenen Hand. Meine Erfahrung ist, dass die Idee der Nachhaltigkeit das geistig-ideelle Vakuum füllen kann, das die konventionellen Politikansätze oftmals hinterlassen. Man muss es nur wieder und wieder tun.
Es gibt natürlich deutlichen Verbesserungsbedarf. Transformation ganz ohne Gegenwind gibt es ohnehin nicht. Das Konzept der Nachhaltigkeit und die Praxis Transformation entstehen ja überhaupt erst durch den Gegenwind, der Normalität heißt. Aber derzeit hat sich da etwas sehr ungut aufgestaut. Bei manchen Themen haben wir es uns auch selbst zu leicht gemacht. Es wäre unredlich, das zu verschweigen oder gar in Abrede zu stellen. Selbst im Gegenwind wird man es ansprechen müssen. Genauso, wie man ebenso die durchaus gelingende Praxis vertreten muss, auch wenn sie noch unvollständig und brüchig ist. Ein unbescholtenes Image haben vermeintlich nur diejenigen, die 150%ig richtige Lösungen fordern und zuvor nichts Falsches tun wollen. Oberflächlich betrachtet. Denn Nichtstun ist auch Handeln.
Autor:in
Prof. Dr. Günther Bachmann, mail@guentherbachmann.de
Publizist, Moderator, Redner, Berater, Berlin
www.guentherbachmann.de
Prof. Dr. Günther Bachmann , Studium Landschaftsplanung TU Berlin; 1978–1983 wissenschaftlicher Assistent TU Berlin; 1985 Promotion zu bodenkundlichen Schutzkategorien; 1983–2001 Umweltbundesamt, 1992–2001 Fachgebietsleiter Bodenschutz u. Bodenökologie; 2001–2020 Generalsekretär Rat für Nachhaltige Entwicklung RNE; seit 2021 Vorstand Stiftungsverein Deutscher Nachhaltigkeitspreis und Fellow der NGO Conservation International